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"Frieden bedeutet nicht nur die Abwesenheit von Krieg, er wird ebenso durch soziale, psychologische, wirtschaftliche, ökologische, religiöse und ethnische Bedingungen definiert, ein Zustand ungestörter Harmonie mit dem Gefühl von Sicherheit und Ordnung, gefördert oder gefährdet durch technologische Entwicklungen." (Reuter/Markus)

In eigener Sache:

Liebe Verbandsmitglieder, Freunde und Sympathisanten,

die Redaktion hat in den vergangenen Wochen intensiv darüber diskutiert, wie wir mit unserem Internetangebot Eurem Informationsbedürfnis zur Frage Krieg-Frieden besser entsprechen können. Im Ergebnis dieser Debatten werden wir zukünftig regelmäßig zu aktuellen militärpolitischen Entwicklungen und Vorstellungen über Charakter, Art und Umfang moderner Kriegführung informieren und militärstrategische Lageeinschätzungen veröffentlichen.

Wir beginnen mit der Publizierung einer Artikelserie zum Thema "Der Krieg als Mittel der Politik" und wollen zu militärpolitischen Überlegungen und Trends sowie neuen Waffentechnologien informieren und operativ-taktische Konzepte verschiedener geopolitischer Akteure vorstellen.

Folgt man der o.g. Definition, dann müssen wir erkennen, dass die Welt aus den Fugen geraten ist, sich die Kräfteverhältnisse rasant verschieben und Kriege wieder mehr denn je ein Mittel zur Durchsetzung machtpolitischer Interessen geworden sind. Der kritische Blick auf diese Entwicklungen ist unser Anliegen. Wir laden zur Diskussion dieser Beiträge ein und bitten Euch Kommentare/Beiträge an die Redaktion unseres Verbandes zu senden.
Folgt man der o.g. Definition, dann müssen wir erkennen, dass die Welt aus den Fugen geraten ist, sich die Kräfteverhältnisse rasant verschieben und Kriege wieder mehr denn je ein Mittel zur Durchsetzung machtpolitischer Interessen geworden sind. Der kritische Blick auf diese Entwicklungen ist unser Anliegen. Wir laden zur Diskussion dieser Beiträge ein und bitten Euch Kommentare/Beiträge an die Redaktion unseres Verbandes zu senden.

Soziologische und psychologische Aspekte der Kriegvorbereitung

Soziologische und psychologische Aspekte der Kriegsvorbereitung

Krieg ist der ultimative Endpunkt eines eskalierten politischen Konflikts und zugleich Instrument seiner gewaltsamen Lösung. Angriffskriege sind laut UN-Charta völker-rechtlich nicht zulässig. Doch sie werden nach wie vor zur Durchsetzung machtpoli-tischer und wirtschaftlicher Interessen vorbereitet und geführt. Um eine moderne Gesellschaft mental auf einen Angriffskrieg vorzubereiten, müssen in einem länger-fristig angelegten politischen und psychologischen Prozess die Bürger von der Legitimität einer solchen Gewaltanwendung überzeugt werden. Dabei sind verschiedene Handlungsfelder zu unterscheiden:

  1. Handlungsfeld: Konditionierung der Eliten

Der Selektions- und Ausbildungsprozess zur Ergänzung politisch relevanter Funktionseliten muss ein weitgehend einheitliches „Gut-Böse-Narrativ“ zur Grundlage haben. Entscheidungsträger in Politik, Militär, Verwaltung, Rechtspflege, vorpoli-tischen Organisationen und Medien sollen von der Legitimität und Einzigartigkeit des eigenen Gesellschaftsmodells überzeugt sein. Andere gesellschaftliche und politische Ordnungen gelten in der Konsequenz dieses Wahrnehmungsmusters nur in dem Maße als zivilisatorisch akzeptabel, in dem sie dem eigenen, als einzig legitim angesehenen Gesellschaftsmodell entsprechen. Vor diesem Hintergrund können im Sozialisationsprozess politische Positionen und Bewertungsmaßstäbe verinnerlicht werden, die für das Individuum und soziale Gruppen identitätsbestimmend sind. Solche verinnerlichten Orientierungen wirken latent und sind jederzeit als Legitimationshintergrund staatlicher militärischer Gewaltanwendung aktivierbar.

Die dauerhafte politische Orientierung der Funktionseliten im Alltag erfolgt über soziale Primärgruppen sowie durch organisatorische und mediale Netzwerke (Beispiel: Atlantikbrücke, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik etc.). Sie stellen durch eine Vielzahl institutioneller und informeller Beziehungen und die damit gegebenen stabilen Kommunikationskontakte sicher, dass die verinnerlichten politi-schen Erklärungs- und Deutungsmuster immer wieder bestätigt werden. Durch die statussichernde Einbindung in verschiedene gesellschaftliche und berufliche Hierarchien erfolgt eine selbstreferenzielle Verfestigung vorgeprägter politischer Paradigmen. Abweichende Meinungen und Darstellungen werden a priori als gegnerische Propaganda oder sogenannte Verschwörungstheorien angesehen. Sie werden als Versuche des potentiellen Kriegsgegners bewertet, die eigene Wehr-haftigkeit zu schwächen.

Andersdenkende Mitglieder der Funktionseliten, innenpolitische Gegner und soziale Gruppen mit abweichenden politischen Vorstellungen werden verächtlich gemacht, sozial ausgegrenzt und nach Möglichkeit von politischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Sie gelten Politikern und Mainstreammedien als „nützliche Idioten“ des potentiellen Kriegsgegners, als Verräter, gegen die die Anwendung medialer, politischer und strafrechtlicher Gewalt legitim ist (Beispiel: „Russlandversteher“ Krone-Schmalz, Platzek, Kujat). Mit diesen negativen Sanktionen sind zugleich materielle und soziale Korrumpierungsversuche verbunden, die sicherstellen sollen, dass die systeminterne politische Opposition als mehrheitsfähiger Störfaktor neutrali-siert und in den Prozess der Kriegsvorbereitung – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – integriert werden kann (Beispiel: B90/Grüne, Teile der Linken).

  1. Handlungsfeld: Außenpolitische Konfrontation

Der potentieller Kriegsgegner wird systematisch mit Forderungen konfrontiert, deren Erfüllung dessen staatliche Interessen und seine nationale Identität infrage stellen würde (Beispiel: Forderung an Russland, die Krim aufzugeben). Die Ablehnung dieser Forderungen wird als konfrontatives Verhalten interpretiert und zieht gegebenenfalls „Bestrafungen“ in Form von Sanktionen, Embargos und Blockaden nach sich. So wird für die eigene Öffentlichkeit ein Feindbild generiert und der Versuch unternommen, den potentiellen Gegner innenpolitisch zu destabilisieren.

Politische Gesprächskontakte zum potentiellen Gegner werden reduziert und von dessen Wohlverhalten abhängig gemacht. Damit verbunden ist der Ausschluss aus internationalen Gremien und Gesprächsformaten (Beispiel: Ausschluss Russlands aus dem G-8-Format). Es soll der Eindruck vermittelt werden, „die Weltgemeinschaft“ würde den potentiellen Gegner ächten. Ziel ist vor allem die außenpolitische Isolation und Stigmatisierung des Gegners sowie die Schwächung seiner Beziehungen zu strategischen Partnern.

Wirtschaftsbeziehungen werden erschwert, Investitionsmöglichkeiten und Finanz-transfers blockiert. Das wird verbunden mit einer Ausdünnung kultureller und sonstiger zivilgesellschaftlicher Kontakte (Jugendaustausch, Städtepartnerschaften, Tourismus, Sport). Der potentielle Gegner wird sukzessive als fremd, gesichtslos, bedrohlich wahrgenommen (Beispiele: Krim-Sanktionen im Tourismus-Bereich, Doping-Kampagne).

Kontinuierlich werden außenpolitische Konfliktfelder geschaffen, deren Lösung nur konfrontativ möglich zu sein scheint. Es dominiert in den bilateralen Beziehungen zum Gegner eine „Sieger-Verlierer-Mentalität“, die keinen Raum für Kompromisse zu lassen scheint und zur Bildung gegnerischer Allianzen im Rahmen internationaler Organisationen und Entscheidungsgremien führt (Beispiele: Ostukraine-Konflikt, Venezuela, Kuba, Syrien).

  1. Handlungsfeld: Manipulation der Öffentlichkeit

Die Kultur und Lebensweise des potentiellen Kriegsgegners wird systematisch als fremd und daher inakzeptabel abgewertet. Vorurteile werden reaktiviert und verstärkt Beispiele: „Autokrat Putin“, „Russlands Expansionsstreben“). Zugleich wird der eigenen Bevölkerung das Gefühl der Überlegenheit vermittelt (Beispiel: „Das wirt-schaftlich marode Russland“, „Die Innovationsunfähigkeit der Russen“). Das hat den Nebeneffekt, dass das Hinterfragen des eigenen Gesellschaftsmodells und der außen- und militärpolitischen Prämissen als naiv und unpatriotisch dargestellt werden kann. Kritiker werden so unter Generalverdacht gestellt, die Geschäfte des Gegners zu besorgen.

Der potentielle Gegner wird tendenziell entmenschlicht und ent-individualisiert. Er erscheint in den Medien als amorphe, bedrohliche Masse, der pauschal negative Eigenschaften als quasi ethnische oder rassische Merkmale zugeschrieben werden (Beispiele: „Das Imperium sammelt russische Erde ein“ „Hybrider Krieg gegen das Baltikum“). Analog zu den etablierten Verfahren der Produktwerbung werden immer gleiche Inhalte in verschiedener Form über möglichst viele Kommunikationskanäle gestreut. Die hohe Anzahl der Kommunikationskontakte soll die Wiedererkennbarkeit der eingesetzten Narrative und deren Verinnerlichung ermöglichen. Die negative Darstellung des potentiellen Gegners erfolgt daher nicht eindimensional unter Nutzung politischer Inhalte, sondern bezieht auch Themenfelder wie Kultur, Sport, Wirtschaft, Lebensweise mit ein. Es ist die kommunikationspolitisch betriebene Demontage des Gegners in der Öffentlichkeit.

Damit gelten für die Bewertung und Behandlung des potentiellen Gegners keine zivilisatorischen oder völkerrechtlichen Standards mehr. Politiker, Wirtschaftsführer, Militärs und der einzelne Bürger werden de facto aus dem moralischen Grund-konsens der (westlichen) Zivilisation ausgeschlossen. Ihnen ist alles zuzutrauen und ihnen gegenüber ist alles erlaubt. Jeder Angriff gegen sie ist legitim und straffrei. Das eigene Tun wird mit moralisierender Rhetorik legitimiert. Fakten werden ignoriert oder verfälscht, Kriegsgründe erfunden. Der pseudomoralische Zweck heiligt die Mittel.

Das so generierte monströse Feindbild wird flankiert durch Korpsgeist, Sendungsbe-wusstsein und Überlegenheitsgefühl. Soldaten und Bevölkerung sollen von der Alter-nativlosigkeit des Krieges überzeugt sein und moralische Geschlossenheit als mentale Voraussetzung für die Kriegführungsfähigkeit entwickeln. Nur so sind die erwarteten individuellen Opfer zu rechtfertigen und nur auf dieser Grundlage sind im Kriegsfall Grundfunktionen staatlicher Ordnung aufrecht zu erhalten.

  1. Handlungsfeld: Konditionierung der Soldaten

Neben der politischen Orientierung der Gesellschaft auf einen Krieg kommt vor allem der psychologischen Kriegsvorbereitung der Soldaten Bedeutung zu. Sie müssen nicht nur die politischen Ziele des Staates als Legitimationshintergrund für ihren Einsatz akzeptieren, sondern auch bereit sein, das individuelle Verletzungs- und Todesrisiko einzugehen und sich in Extremsituationen zu behaupten. Der Ge-fechtswert der Truppen ist jedoch nicht nur davon oder von der Qualität der Bewaffnung und Ausrüstung abhängig. Vielmehr geht es um die Stabilität der Einheiten im Einsatz und die Sicherung der Führung. Die Militärsoziologie und die Militärpsychologie befassen sich seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Fragestellung, wie in ihrer Zusammensetzung fremdbestimmte formale Gruppen zu erfolgreichem Agieren unter schwersten Bedingungen befähigt werden können. Aus einer Vielzahl empirischer Untersuchungen in Streitkräften politisch ganz unter-schiedlich verfasster Staaten ist bekannt, welch überragende Bedeutung der kleinen, formal strukturierten, aber informell vernetzten (Primär-)Gruppe und der Qualität sozialer Beziehungen in einer hierarchischen Organisation zukommt (Oetting, 1988: 78ff). Weit unterhalb der Ebene politischer Legitimation und der zu diesem Zweck durch die Politik immer wieder gerne beschworenen ideellen Zielsetzungen gewinnt der einzelne Soldat seine Handlungsantriebe primär im unmittelbaren sozialen Umfeld – in der kleinen Gruppe. „Im Schoße der ‚kleinen Gruppe’ baut der Soldat sein affektives Bezugssystem auf. In dieser kleinen Welt, deren Gesetze er selbst geschaffen hat, fühlt er sich geborgen. …Die Loyalität zur ‚kleinen Gruppe’ überragt die Loyalitätsgefühle zur Organisation und zum Land.“ (Bigler, 1963: 51) Die vitalen Interessen jedes Gruppenmitgliedes bestehen unter anderem darin, unter keinen Umständen aus der Gruppe ausgestoßen zu werden und den anderen Gruppen-mitgliedern seine Nützlichkeit zu beweisen. Dinter kommt zu dem Schluss, dass es „…dem gut integrierten Gruppenmitglied viel eher als dem auf sich allein gestellten Individuum gelingt – nicht nur zu kämpfen, sondern sich sogar aufopferungsvoll zu schlagen.“ (Dinter, 1983: 264). Ziel der militärischen Führung bei der Vorbereitung von Soldaten auf einen Krieg ist es, zwischen formalen und informellen Gruppen eine Teilkongruenz zu schaffen, die die Integration des einzelnen in die Gruppe zuverlässig gewährleistet und zu einem stark ausgeprägten Wir-Gefühl der Gruppenmitglieder führt (Oetting, 1988: 81). Voraussetzung für das Wirken der formalen/informellen Gruppe im Sinne der militärischen Struktur ist allerdings die weitgehende Konformität der Gruppenziele mit denen der Organisation. Kann im Führungsprozess die weitgehende Konformität von Gruppen- und Organisations-zielen nicht (mehr) aufrechterhalten werden, verselbständigen sich die Primär-gruppen und werden unführbar (Oetting, 1988: 92). Führung bedeutet in diesem Kontext, gruppendynamische Prozesse mit den Zielen der Organisation in Übereinstimmung zu bringen. (Oetting, 1988: 94).

Literatur:

Altrichter, F.: Das Wesen der soldatischen Erziehung, Oldenburg/Berlin 1933
Belec, T.: Motivation und Gefechtswert, In: Österreichs Bundesheer, Truppendienst 1/2006, www.bmlv.gv.at/truppendienst
Bigler, R. R.: Der einsame Soldat – Eine soziologische Deutung der militärischen Organisation, Frauenfeld 1963
Bürklin, W./Rebenstorf, H.: Eliten in Deutschland, Opladen 1997
Dinter, E.: Die körperlichen und seelischen Belastungen des Soldaten im Kriege
In: Truppenpraxis 4/83, S. 216ff
Dreitzel, H. P.: Elitebegriff und Sozialstruktur, Stuttgart 1962
Herzberg, F.: Work and the Nature of Man, New York 1966
König, R. (Hrsg.): Beiträge zur Militärsoziologie, Köln und Opladen, 1968
Krieger, H. H.: Entwicklung und Ergebnisse der Führungspsychologie
In: Truppenpraxis 4/83, S. 249ff
Leonhard, N./Werkner, I.-J.: Militärsoziologie – Eine Einführung, Wiesbaden 2005
Mackewitsch, R.: Der Vorgesetzte im Einsatz, SOWI-Arbeitspapier Nr. 130,
Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Strausberg 2001
Marshall, S. L. A.: Soldaten im Feuer – Gedanken zur Gefechtsführung im nächsten Krieg, Frauenfeld 1951
Maslow, A. H.: Motivation and Personality, New York 1970
Meyer, P.: Kriegs- und Militärsoziologie, München 1977
Mosen, W.: Eine Militärsoziologie –Technische Entwicklung und Autoritätsprobleme in modernen Armeen, Neuwied und Berlin, 1967
Otto, W.: Führungsverständnis im Heer, In: Strategie und Technik, 01/2007, S. 12ff
Oetting, D. W.: Motivation und Gefechtswert, Frankfurt a. M./Bonn, 1988
Schössler, D.: Der organisierte Soldat – Berufsproblematik und Interessenartikulation des Soldaten in der entfalteten Industriegesellschaft, Bonn 1968
Sprenger, R. K.: Aufstand des Individuums. Warum wir Führung komplett neu denken müssen. Frankfurt/New York 2001
Stouffer, S. A.: The american soldier, Princeton 1949
Wullich, P. E.: Kampfmoral und Technik im Falklandkonflikt
In: Soldat und Technik 5/83, S. 262ff

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